Blog und Aktuelles

29.11.2018 14:11

Vorteile privat bezahlter Psychotherapie

Keine Frage, Psychotherapie ist eine kostspielige Angelegenheit, vor allem, weil es in Österreich viel zu wenige Therapieplätze mit voller Kostenübernahme gibt.

Etwas leichter zu finden sind PsychotherapeutInnen, bei denen eine Teilrefundierung durch die Krankenkasse möglich ist. Genaugenommen ist das bei allen Therapeuten, die in der offiziellen Liste des Gesundheitsministeriums eingetragen sind, möglich. Diese Liste finden Sie unter folgendem Link: http://psychotherapie.ehealth.gv.at. Je nachdem, bei welcher Krankenkasse Sie versichert sind, erhalten Sie so EUR 28,- bis EUR 50,- pro Psychotherapie-Sitzung erstattet.

Vorteile privat bezahlter Psychotherapie

Gänzlich privat bezahlte Psychotherapie hat aber auch Vorteile und zwar:

  • Sie geben selbst Geld für Ihre Entwicklung und Gesundung aus, tragen also aktiv zur Lösung bei.
  • Sofern Sie nicht um Teilrefundierung durch die Krankenkasse ansuchen, erfahren die Krankenkassen nicht, dass Sie in Psychotherapie sind und es scheint auch nirgendwo eine Diagnose auf.
  • Sie können Ihre/n Psychotherapeutin/en komplett selbst wählen und sind nicht auf einige wenige mit Krankenkassenplatz angewiesen.
  • Bei privater Finanzierung haben Sie meist keine Wartezeiten, sondern bekommen sofort einen Psychotherapieplatz.
  • In einigen Fällen ist privat bezahlte Psychotherapie auch als Selbsterfahrung im Rahmen von Ausbildungen anrechenbar. Dies gilt ausschließlich, wenn Sie nicht mit der Krankenkasse abrechnen!

Unter Umständen sollten Sie auch Ihren Steuerberater fragen, ob sich Ihre Psychotherapie nicht als Werbungskosten (meist im Rahmen von Ausbildungen) oder als außergewöhnliche Belastung steuerlich absetzen lässt.

Foto: Pixabay

16.11.2018 20:56

Süchtiges Österreich

Etwa 1,3 bis 1,6 Millionen Menschen sind in Österreich nikotinabhängig, weitere 350.000 Menschen alkoholabhängig, zwischen 120.000 und 250.000 medikamentenabhängig und etwa 30.000 drogenkrank. Das sind nur die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer mag in vielen Fällen noch höher sein.

Auch Internet-, Smartphone-, Spiel- und Pornosüchtige sind hier noch nicht mitgerechnet. Das Phänomen ist relativ neu, sodass noch kaum offizielle Zahlen verfügbar sind und auch Experten oft schwer einschätzen können, was hier ein problematischer Konsum ist und wo die Abhängigkeit anfängt.

Ein sehr wesentliches Merkmal für eine Sucht ist der Kontrollverlust. Abhängige können nicht mehr steuern, wie viel sie konsumieren. In Folge kommt es zu einer Toleranzentwicklung, das bedeutet, die Dosis der Substanz (oder gegebenenfalls auch des süchtigen Verhaltens im Falle einer nichts-substanzgebundenen Sucht) muss ständig gesteigert werden. Das sogenannte Craving bezeichnet dann ein unbändiges Verlangen. Der Betreffende kann sich nicht mehr vorstellen, wie er ohne die Substanz den Tag überstehen soll. Es kommt beim Absetzen allmählich schon zu körperlichen Entzugssymptomen und das Leben beginnt sich mehr und mehr um die Sucht zu drehen, selbst wenn bereits deutlich die negativen Folgen der Sucht spürbar sind.

In besonders schweren Fällen ist ein stationärer Entzug angebracht und als Rückfallprophylaxe eine begleitende, längerdauernde Psychotherapie. Im Falle von schädlichem Gebrauch kann häufig eine Psychotherapie alleine ausreichend sein, um den Konsum zu reflektieren und deutlich zu reduzieren. Wir wissen heute, dass der Auslöser für eine Sucht in den meisten Fällen eine unbehandelte Angststörung oder Depression ist.

Weitere interessante Informationen finden Sie in diesem Interview mit dem Leiter des Anton Proksch Instituts, Dr. Michael Musalek: Raucherpolitik in Österreich ein europaweiter Spezialfall.

10.11.2018 10:57

Das allgegenwärtige "man"

"Man hat schon Angst", "man fühlt sich allein gelassen" oder "man wird wütend", sind Sätze, die wir im Alltag ununterbrochen hören. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, warum sie dieses "man" so häufig gebrauchen.

Sprache bestimmt mit, WIE wir wahrnehmen. Der Sprecher, der das Wort "man" verwendet, anstatt "ich" zu sagen, unterstellt, dass es allen anderen Menschen auch so geht und distanziert sich damit gleichzeitig von seinen Gefühlen. Wir können das sehr leicht überprüfen, indem wir den Satz "Man hat schon Angst" aussprechen und genau überprüfen, was wir dabei empfinden und wie sich das anfühlt und ihn dann mit dem Satz "Ich habe Angst" vergleichen. Den meisten Menschen wird dann bewusst, dass sie deutlich mehr spüren, wenn sie "ich" statt "man" sagen.

Insbesondere Gestalttherapeuten legen sehr viel Wert auf derartige sprachliche Distanzierungen, die uns von unserem Erleben und unseren Gefühlen weg führen. Uns geht es darum, dem Menschen wieder das volle Spektrum seiner Wahrnehmungen und Gefühle zur Verfügung zu stellen und ihn gleichzeitig von der Illusion der Verantwortungslosigkeit für sein Leben zu befreien. Nicht irgendein Etwas bestimmt, wie wir unser Leben empfinden und erleben, sondern wir machen das selbst.

Wenn wir beginnen, die volle Verantwortung für unser Erleben und unser Leben zu übernehmen, beginnen wir Schritt für Schritt freier zu werden und gewinnen Handlungsspielräume zurück, wir werden im besten Sinne lebendiger und ausdrucksstärker.

Literatur

Votsmeier-Röhr, Achim & Wulf, Rosemarie (2017). Gestalttherapie. Wege der Psychotherapie. Reinhardt Verlag.

03.11.2018 08:27

Was ist Veränderung?

Viele Menschen wollen sich verändern. Gerade jetzt, wo in Riesenschritten das Jahresende naht, machen zahlreiche Menschen wieder Vorsätze für das nächste Jahr. Kaum jemand schafft es, diese Vorsätze einzuhalten. Doch woran liegt das?

Einerseits sicherlich am fehlenden Willen und, wie wir Therapeuten sagen würden, zu geringem Leidensdruck. Damit ist gemeint, dass eine Situation, die wir verändern wollen, nicht unangenehm genug ist, um wirklich eine Veränderung vorzunehmen. Wir leiden also zu wenig darunter.

Ein schönes Beispiel wäre das Rauchen. Vermutlich wollen die meisten Raucher zu rauchen aufhören, weil sie gehört haben, es sei gesundheitsschädlich, weil es Geld kostet oder weil es immer weniger öffentliche Räume gibt, in denen rauchen noch erlaubt ist. Auf der anderen Seite haben sie derzeit noch keine Gesundheitsschäden und rauchen beruhigt sie auch irgendwie. Warum also aufhören? Der Leidensdruck ist noch nicht groß genug.

Neben dem fehlenden Leidensdruck und dem damit verbundenen mangelndem Willen, sich zu verändern, gibt es aber noch eine mentale Hürde, die der Veränderung im Weg steht. Viele Menschen glauben, Veränderung bestünde darin, dass ich ein Mensch A mit ganz bestimmten Eigenschaften bin und Mensch B mit völlig anderen Eigenschaften werden müsste. Das ist nicht nur nicht hilfreich, es ist auch unmöglich.

Wir können, wie Arnold Beisser das ausdrückte, nur die werden, die wir sind. (Zitat: "Veränderung geschieht dann, wenn wir werden, was wir sind und nicht dann, wenn wir versuchen zu werden, was wir nicht sind.") Deshalb ist es wesentlich hilfreicher, sich Veränderung als eine Art Spirale oder Wachstumsringe eines Baumes vorzustellen. Wir kennen heute einige wenige Persönlichkeitseigenschaften von uns selbst und lernen im Laufe unseres Lebens immer mehr Facetten von uns kennen, werden damit also immer vollständiger und ganzer.

Sich Entwicklung als eine Art Spirale vorzustellen, ist sogar noch hilfreicher, weil wir in einer Spirale immer wieder an ähnlichen Punkten sind, aber eben doch jedes Mal eine Ebene oder Runde weiter. Wir haben dann bereits Neues gelernt und erleben die vordergründig ähnliche Situation doch ein wenig anders, mit mehr Erfahrung, mehr Menschenkenntnis und vor allem mehr Bewusstheit.

Alleine diese neue Art der Mentalisierung von Veränderung hilft Menschen erfahrungsgemäß sehr, sich selbst besser zu verstehen, neugieriger auf sich selbst zu werden und mehr an der Integration als am Kampf gegen sich selbst zu arbeiten. Veränderung geschieht sowieso, weil wir als Menschen auf Wachstum programmiert sind (organismische Selbstregulation). Psychotherapie hilft dabei, Hindernisse, die dieses Wachstum blockieren, aus dem Weg zu räumen.

Literatur

Beisser, Arnold (1997). Wozu brauche ich Flügel? Peter Hammer Verlag.

24.10.2018 09:50

Antidepressiva, ein kritischer Blick

Antidepressiva stehen immer wieder in der Kritik, zumeist wegen der teilweise erheblichen Nebenwirkungen. Der Züricher Psychologe Michael P. Hengartner behauptet nun, dass Antidepressiva größtenteils nutzlos seien und begründet das in einem ausführlichen Interview.

Das Interview schließt mit einem Plädoyer für Psychotherapie, wenn er sagt: "Und selbst bei schweren Depressionsformen hat sich Psychotherapie als wirksame Alternative zu den Medikamenten erwiesen. Vor allem längerfristig scheint die Psychotherapie der medikamentösen Therapie überlegen zu sein und hilft beispielsweise auch dabei, wieder eine Arbeit zu finden, was Medikamente nicht können. Zudem kann Psychotherapie keine schwerwiegenden körperlichen Störungen verursachen. Das ist ein großer Vorteil."

Quelle: Telepolis (Heise Online)

15.10.2018 16:25

Ein vernachlässigter Sinn

Wir leben in einer Welt der Bilder und Töne. Irgendwie scheint das, was wir sehen und hören können, für uns realer zu sein als andere Sinneseindrücke. Dabei vernachlässigen wir einen Sinn, ohne den wir gar nicht überleben könnten, nämlich den Tastsinn.

Wo wir mit freiem Auge längst keine Unebenheiten mehr wahrnehmen können, vermag der Tastsinn immer noch Unterschiede zu spüren und Oberflächenunebenheiten bis zu 0,001 mm (1 Mikrometer) zu tasten. Martin Grunwald (2017) zeigt in seinem Buch anschaulich, dass Umarmungen, Massagen und Spaziergänge gegen Depression und Angst hilfreicher sind als 1000 Worte. Neuerdings werden beispielsweise Neoprenanzüge bei Magersucht eingesetzt, da sie helfen können die gravierenden Körperschema-Störungen, die mit dieser Krankheit einhergehen, auszugleichen.

Grundwald zeigt anhand von Forschungsergebnissen auch, warum der exzessive Gebrauch von Tablets und Smartphones im Kleinkindalter die Sprachentwicklung und auch die Fähigkeit der Raumwahrnehmung beeinträchtigen kann oder warum wir mit warmen Händen bei einem Vorstellungsgespräch einen deutlich besseren Eindruck machen als mit kalten.

Sogar unsere Sprache verrät diese Zusammenhänge, wenn wir etwa erzählen, dass eine Rede oder ein Film uns sehr "berührt" haben. Wenn die liebevolle Selbstberührung uns im christlichen Abendland immer noch irgendwie komisch vorkommt, dann scheinen diese Tabus auch mit jahrehundertealter christlicher Moral und der massiven Abwertung des Körpers zu tun zu haben.

Literatur

Grundwald, Martin (2017). Homo hapticus. Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. Droemer.

10.10.2018 07:16

Heterosexuell/homosexuell?

Die meisten Menschen stellen sich vor, es gäbe eine eindeutige Unterscheidung zwischen heterosexuellen und homosexuellen Menschen. Dass dem jedoch nicht so ist, vermutete schon Sigmund Freud (1999) und belegen auch jüngste Studien, denen zufolge weitaus mehr Menschen bisexuell sind als angenommen.

Allerdings definieren sich die meisten Menschen, die auch sexuelle Kontakte mit dem gleichen Geschlecht haben, dennoch als heterosexuell. Das gilt insbesondere für Männer. Jane Ward (2018) belegt in ihrem neuesten Buch eindrucksvoll, dass Männer in unterschiedlichsten Kontexten immer schon sexuelle Kontakte miteinander hatten, die dann jedoch als Initiationsrituale, Männlichkeitstest, Ausrutscher oder ähnliches uminterpretiert wurden. Sie zeigt, dass allein der Kontext darüber entscheidet, ob gleichgeschlechtlicher Sex nun als schwul gilt oder eben doch nicht.

Eine jüngst in Deutschland veröffentlichte Studie konnte zeigen, dass eine große Zahl homosexueller Männer rein heterosexuelle Leben mit Frau und Kindern führen. Andere Studien gingen davon aus, dass maximal 30% aller hauptsächlich homosexuell verkehrenden Männer sich persönlich als schwul bezeichnen. Letzteres wird häufig auch mit einem bestimmten Lebensstil verknüpft, von dem sich eine große Zahl der Männer distanzieren möchte.

Das mag vielleicht auch ein Grund dafür sein, warum in verschiedenen Studien der Prozentsatz homosexueller Personen in der Bevölkerung zwischen 1% und 25% erheblich schwankt. Das dürfte auch von der Fragestellung abhängen. Fragt man nach der Selbstdefinition als schwul/lesbisch, dürfte dieser Prozentsatz bei 3 bis 5% liegen, fragt man jedoch nach tatsächlichen homosexuellen Kontakten, dürfte dieser Prozentsatz sehr viel höher liegen.

Vielleicht werden wir eines Tages diese Kategorien auch wieder fallen lassen und uns damit begnügen, zu sagen: Menschen sind sexuell.

Literatur

Freud, Sigmund (1999). Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. S. Fischer Verlag.
Ward, Jane (2018). Nicht schwul. Die homosexuelle Zutat zur Erschaffung des 'normalen' Mannes. Männerschwarm Verlag.
Zeitschrift Stern (6.10.2018): Wenn schwule Männer ein Leben mit Ehefrau und Kindern führen.

25.09.2018 09:55

Nichtraucher-Volksbegehren

Vom 1. bis 8. Oktober 2018 läuft die Eintragungsfrist für das Nichtraucher-Volksbegehren, das sich für ein vollständiges Rauchverbot in der Gastronomie einsetzt, wie das eigentlich schon ab 1. Mai 2018 geplant gewesen wäre.

Neben dem Schutz der Nichtraucher vor Passivrauch, soll das Verbot auch eine Motivation für RaucherInnen sein, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die ernsthaft aufhören möchten zu rauchen, eine begleitende Psychotherapie oft als sehr hilfreich empfinden. Zum einen kann eine Psychotherapie unbewusste Suchtmuster aufdecken und zum anderen auch begleitende Phänomene wie Ängstlichkeit, Nervosität und innere Unruhe mithilfe von Entspannungstechniken abfedern helfen.

Link zum Volksbegehren: https://dontsmoke.at

09.09.2018 10:47

Wenn das Umfeld gegen die Therapie arbeitet

Es geschieht nicht selten, dass KlientInnen nach Aufnahme einer Psychotherapie mit Bekannten, Verwandten und Freunden konfrontiert sind, die Ihnen die Therapie wieder ausreden wollen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil ja viele Schwierigkeiten, die Menschen in Therapie bringen, gerade in diesem Umfeld und teilweise auch durch dieses Umfeld entstanden sind.

Die meisten Menschen unseres Kulturkreises sind sehr stark außenorientiert, hören also stark auf das, was "man" angeblich tut. In einer Psychotherapie geht es jetzt erstmals darum, was der betreffende Mensch selbst möchte, es geht um seine Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle. Das ist für viele Menschen völlig neu und für manche fühlt sich das zunächst sogar falsch an.

Systemisch betrachtet hat das Umfeld ein Interesse, dass der nunmehrige Klient so weiter funktioniert, wie er bisher funktionierte. Würde er plötzlich eigenständiger und unabhängiger, wäre er für die Menschen in seiner Umgebung nicht mehr so leicht zu beeinflussen. Von diesem Umfeld her betrachtet, erscheint er jetzt egoistischer.

Das Problem war schon Sigmund Freud gut bekannt, als er schrieb: "Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Behandlung möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, so schützt man sie dadurch auch einigermaßen vor den vielen feindseligen Einflüssen, die es versuchen werden, sie der Analyse abspenstig zu machen. Solche Beeinflussungen können zu Anfang der Kur verderblich werden. Späterhin sind sie meist gleichgültig oder selbst nützlich, um Widerstände, die sich verbergen wollen, zum Vorscheine zu bringen." (Freud, 1913)

Gerade am Beginn einer Therapie empfiehlt es sich sehr, möglichst wenigen Menschen von der Aufnahme einer Psychotherapie zu erzählen und auch über die besprochenen Inhalte wenig bis nichts zu erzählen. Es geht ja gerade darum, zu sich zu kommen, sich mit dem eigenen Inneren auseinanderzusetzen und da sind gutgemeinte Ratschläge von Freunden und Verwandten oft wenig hilfreich, ja sogar kontraproduktiv. Dazu kommt noch, dass gerade jene, die von einer Psychotherapie besonders dringend abraten, oft wenig bis nichts darüber wissen, was Psychotherapie eigentlich ist.

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Freud, Sigmund (1913). Zur Einleitung der Behandlung. Gesammelte Werke: VIII, 454-478.

27.08.2018 09:27

Was ist normal?

Eine Frage, die mir in meiner Praxis häufig gestellt wird, ist die Frage: Was ist normal? Und das ist keine leicht zu beantwortende Frage. Das Grundproblem jeder medizinischen und so auch jeder psychiatrischen Diagnose ist: wo setzen wir die Grenze zwischen noch gesund und schon krank an?

Nehmen wir das Beispiel Intelligenz. Je nach Skala wird dort normale Intelligenz als jener Wert interpretiert, der zwischen 75 und 125 IQ-Punkten liegt. Abgesehen davon, dass heutzutage eher Intelligenzprofile bestimmt werden, als ein einziger IQ-Wert, ist es leicht nachvollziehbar, dass wir in der Praxis kaum einen Unterschied zwischen einem Menschen mit 73 oder 75 IQ-Punkten finden werden, Messfehler noch gar nicht mitberücksichtigt.

Ein ähnliches Problem ergibt sich bei allen anderen festgelegten Werten. Ist ein LDL Cholesterinwert bei 130 mg/dl bereits gesundheitsgefährdend oder erst ab 135 mg/dl? Bei psychiatrischen Diagnosen ist das noch schwieriger zu bestimmen. Wenn jemand etwas exzentrisch ist, ab welcher Grenze attestieren wir ihm eine Persönlichkeitsstörung, eine ADHS, etc.?

Diese Fragen sind keineswegs trivial, sie sind von gesellschaftspolitischer Relevanz, entscheiden über Kassenfinanzierung einer Therapie und wirken sich unter Umständen sogar auf die Rechtsprechung aus. Teilweise stecken auch handfeste finanzielle Interessen dahinter. So hat etwa die Pharmaindustrie natürlich großes Interesse daran, dass es möglichst viele psychisch Kranke gibt. Umgekehrt kann mit einer korrekten Diagnose auch viel Leid verhindert und den Betroffenen ein sehr viel lebenswerteres Leben ermöglicht werden.

Mit der hier beschriebenen Problematik setzt sich der renommierte Psychiater Allen Fances in seinem Buch "Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen" auseinander. Auch wenn das Buch sehr stark auf amerikanische Verhältnisse referenziert, ist es doch insgesamt sehr informativ und sensibilisiert für die angesprochene Thematik.

 

11.07.2018 14:59

Smartphone lässt uns dümmer werden

Vermutlich ist Ihnen das auch schon einmal passiert: Sie sind gerade konzentriert bei der Arbeit und Ihr Smartphone signalisiert mit einem Ton, dass Sie eine SMS oder Email erhalten haben oder neue Updates verfügbar sind. Sie sind augenblicklich aktiviert, neugierig und mit der Aufmerksamkeit nicht mehr bei der Arbeit, sondern beim Smartphone. Hätten Sie Elektroden am Körper, könnte vermutlich eine leichte Blutdruck- und Pulserhöhung festgestellt werden.

Doch nicht nur das! Wissenschaftler in den USA haben nun herausgefunden, dass ein Smartphone, das lediglich auf dem Schreibtisch liegt, unsere Intelligenz um 15 % reduziert. In dieser Studie wurde die sogenannte Brain Drain-Hypothese getestet, die besagt, dass das bloße Vorhandensein eines Smartphones kognitive Ressourcen bindet, wodurch diese nicht mehr für andere Aufgaben zur Verfügung stehen. In zwei unterschiedlichen Experimenten wurde diese Hypothese klar bestätigt.

Dieses Ergebnis steht in Zusammenhang mit Untersuchungen zum sogenannten Multitasking, das zu Beginn des Jahrhunderts als Eigenschaft besonders effizienter und produktiver Mitarbeiter erachtet wurde, bis man herausfand, dass es schlicht und ergreifend gesundheitsschädlich ist (siehe Blog-Beitrag vom 20.3.2017).

Die Vermutung, dass Handy-Funkwellen Krebs verursachen könnten, ist immer noch nicht vollständig ausgeräumt, dazu kommt noch, dass Augenärzte mittlerweile Alarm schlagen, weil Kurzsichtigkeit immer mehr zunimmt und bald schon der Normalfall sein wird, während gesunde Augen dann die Ausnahme sein werden. Auch das hängt mit zu häufiger und intensiver Bildschirmarbeit und Smartphone-Nutzung zusammen.

Wir haben offenbar noch nicht gelernt, die neu verfügbaren technischen Errungenschaften gut und sinnvoll zu nutzen. Ein gelegentlicher Spaziergang ohne Smartphone oder das stundenweise Ausschalten desselben erscheint manchen schon als Herkulesaufgabe, dürfte unserer Gesundheit aber sehr zuträglich sein.

Die gesamte Studie können Sie hier nachlesen: Journal of the Association for Consumer Research.

21.06.2018 08:45

Teilrefundierungs-Zuschuss wird erhöht!

Eine gute Nachricht gibt es für alle Menschen, die die Teilrefundierung bei einem Psychotherapeuten in Anspruch nehmen! Der Hauptverband der Sozialversicherung hat diesen Zuschuss auf EUR 28,- pro Sitzung erhöht. Dieser höhere Teilrefundierungs-Betrag wird voraussichtlich ab September automatisch ausgezahlt.

Der Betrag von EUR 28,- deckt bei vielen Psychotherapeuten in freier Praxis etwa ein Drittel der Psychotherapiekosten.

Die Teilrefundierung kann nur beantragt werden, wenn eine krankheitswertige Störung laut ICD 10 (International Classification of Diseases) vorliegt. Selbsterfahrung, der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung oder Psychotherapie im Rahmen von Ausbildungen wird von den Krankenkassen nicht refundiert!

Die genaue Vorgehensweise bei der Beantragung der Teilrefundierung für Psychotherapie erfahren Sie im Rahmen des psychotherapeutischen Erstgesprächs.

08.05.2018 07:38

Abschied vom Mythos Monogamie

Eine monogame Beziehung erscheint vielen Menschen als erstrebenswert und ideal. In der Praxis kommt diese jedoch nur sehr selten vor. Ein Seitensprung erscheint vielen Menschen dann als Katastrophe und ist entweder Anlass für schlechtes Gewissen oder Eifersucht.

Tim Kurt Wiesendanger wirft in seinem neuen Buch "Abschied vom Mythos Monogamie" die Frage auf, ob das zwingend so sein muss. Er argumentiert einerseits biologisch, in dem Sinne dass die Geschlechtsorgane und sekundären Geschlechtsmerkmale des Menschen untypisch sind für monogame Arten, andererseits bringt er das Anima-/Animus-Konzept von C.G. Jung ins Spiel, um aufzuzeigen, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse auf Herz- und sexueller Ebene haben. Und so dürfte eine monogame Beziehung nicht für jeden Menschen gleichermaßen passend sein.

Überlegenswert ist in jedem Fall die Frage, ob ein Seitensprung immer die ganz große Katastrophe oder gar ein Scheidungsgrund sein muss. Erhellend sind auch die Stellen, in denen er über Eifersucht spricht, die ja vielen Menschen fälschlicherweise als Beweis für Liebe gilt, tatsächlich aber, wie Erich Fromm schon vor Jahrzehnten argumentierte, eher auf das Fehlen von Liebe hinweist.

Der Autor Dr. Tim K. Wiesendanger ist Fachpsychologe und Psychotherapeut in Zürich, arbeitet überwiegend mit LGBTs und hat mehrere Fachbücher zum Thema Homosexualität veröffentlicht.

21.03.2018 13:33

Schlafprobleme ernst nehmen!

Schlafprobleme kennt wohl jeder Mensch. Bestehen sie über längere Zeit, könnten tiefer liegende Probleme vorliegen, die in einer Psychotherapie und medizinisch abgeklärt werden müssen. Kurzfristig können vom Arzt verschriebene Schlafmittel (Benzodiazepine, Antidepressiva) hilfreich sein, mittel- und langfristig verursachen sie jedoch noch größere Probleme.

Darüber schrieb gerade auch die Tiroler Tageszeitung: https://tinyurl.com/Schlafprobleme-ernst-nehmen

18.01.2018 10:59

Beratung, Therapie, Coaching?

Für viele KlientInnen, die zum ersten Mal einen Psychologen oder Psychotherapeuten (Unterschiede der einzelnen Berufe siehe: Psy-Berufe) anrufen oder anrufen möchten, ist unklar, was sie eigentlich benötigen: eine jahrelange Therapie, eine kurze Beratung, ein Coaching? Genau diese Frage kann ein Erstgespräch klären, bei dem Sie nicht nur die Psychologin oder Psychotherapeutin kennenlernen, sondern auch eine fundierte Experteneinschätzung erhalten, was in Ihrem Fall das Problem ist und welche Schritte sinnvoll sind, um Ihnen zu helfen.

Vielleicht haben Sie schon seit einigen Monaten oder gar Jahren das Gefühl, dass manche Ihrer Schwierigkeiten Ihnen über den Kopf wachsen und Sie alleine nicht mehr weiterkommen. Aber gleich einen Psychotherapeuten anzurufen, das erscheint dann doch ein wenig übertrieben. Andererseits möchten Sie vielleicht auch Ihre Angehörigen nicht länger mit Ihren Probleme belasten. Was also tun?

Vielleicht ist es in dem Zusammenhang wichtig zu wissen, dass es zur Kernkompetenz sowohl eines Klinischen Psychologen als auch eines Psychotherapeuten gehört, im Rahmen eines Erstgesprächs genau jene Fragen zu stellen, die eine klare Beurteilung erlauben, was denn für einen Menschen hilfreich und sinnvoll ist. Bei manchen Fragestellungen reicht eine Kurzzeitberatung von wenigen Stunden, in anderen Fällen wird eine längere Therapie nötig sein. Im Durchschnitt dauert eine Psychotherapie ein bis zwei Jahre bei wöchentlichen Sitzungen, Abweichungen nach oben und unten sind möglich. Ein Coaching für ein berufliches Thema (Arbeitsplatzwechsel, Übernahme einer Führungsaufgabe, Konflikte mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten) dauert in der Regel 10 bis maximal 20 Sitzungen.

Die genaue Anamnese ist sowohl beim Arzt als auch in der Psychotherapie und Psychologie die wichtigste Voraussetzung, damit einem Patienten/Klienten wirklich geholfen werden kann. Genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, das Erstgespräch wie eine normale Sitzung zu berechnen, auch wenn ich weiß, dass KollegInnen das vereinzelt anders handhaben. Auch wenn Sie sich gegen eine Therapie bei mir entscheiden, können Sie versichert sein, dass Sie nach einem Erstgespräch fundierte Informationen erhalten werden, was genau Ihr Thema ist und welche Schritte es gibt, dieses Problem zu bewältigen oder zu lindern.

24.11.2017 18:43

Was ist Gestalttherapie?

Es ist relativ leicht, einem Psychotherapeuten, der eine andere Methode erlernt hat, zu erklären, was Gestalttherapie ist. Umso schwerer ist es, dies einem Menschen zu erklären, der mit Psychotherapie bisher gar nichts zu tun hatte. Wäre die Aufgabe, in drei Sätzen zu erklären, was Gestalttherapie ist, könnte diese Erklärung wie folgt lauten:

Gestalt bedeutet Ganzheit und in diesem Sinne will Gestalttherapie unsere Ressourcen, Fähigkeiten und Begabungen gezielt fördern, um eine vollständigere, "rundere" Persönlichkeit zu werden. Wir gehen davon aus, dass der Mensch über enorme Selbstheilungskräfte verfügt und nur Hindernisse beseitigt werden müssen, um natürliches und gesundes Wachstum wieder zu ermöglichen. Dieses Beseitigen von Hindernissen wird dabei als "Schließen von Gestalten" verstanden, also als ein Abschließen alter Angelegenheiten, womit dann Energie frei wird, neue Wege und Lösungen auszuprobieren.

Ein sehr einfaches Beispiel für eine nicht geschlossene Gestalt ist ein Krimi, bei dem Sie das Ende nicht sehen/lesen. Geschlossen wäre die Gestalt dann, wenn Sie wissen, wie er ausgeht. Erst dann ist die Geschichte "rund" geworden. So ähnlich ist es auch mit Konflikten, die nie zu einem Ende, einer Aussprache, einer Lösung geführt haben.

Ergänzen würde ich gegebenenfalls noch, dass wir in der Gestalttherapie viel Wert auf das Hier und Jetzt legen, das heißt auf spontane Reaktionen, Körperhaltungen, Mimik und Gestik im Moment der Therapiesituation. Nicht die Kindheit ist das Problem oder das Mobbing vor 20 Jahren, sondern dass schwierige Situationen von damals im JETZT Probleme verursachen, für die wir gerne, jetzt, neue und bessere Lösungen finden möchten. Dafür benötigen Sie nicht in erster Linie kluge Erklärungen und Theorien, sondern Ihre natürlichen Fähigkeiten und Begabungen, die Ihnen mithilfe einer Gestalttherapie wieder besser zugänglich werden.

20.10.2017 13:51

Nur psychosomatisch?

Lange Zeit war man in der Medizin der Meinung, es gäbe somatische, also rein körperliche Erkrankungen, und psychische Erkrankungen, die davon unabhängig auftreten könnten. Eine solche Trennung von Psyche, Geist und Körper gilt heute als veraltet. Inzwischen geht man in der Wissenschaft davon aus, dass bei allen Erkrankungen Psyche, Geist und Körper zusammenwirken.

Ein Beispiel dafür wäre die Psychoneuroimmunologie, die die Zusammenhänge zwischen psychischen Vorgängen (z.B. Stress) und der Funktionsfähigkeit des Immunsystems untersucht. Heute weiß man, dass Depressionen, Ängste oder übermäßiger Stress, die Funktionsweise des Immunsystems beeinträchtigen und Menschen damit anfälliger für Infektionskrankheiten werden können.

Vereinfacht ausgedrückt kann jede psychische Störung körperliche Erkrankungen auslösen oder verschlimmern so wie auch jede körperliche Erkrankung uns psychisch beeinträchtigen kann. Nehmen wir etwa einen Beinbruch, bei dem nun wirklich nahezu jeder Mensch sagen würde, das ist ja nun eindeutig NUR körperlich. Aber ist das wahr? Hat nicht Unachtsamkeit, Müdigkeit oder vielleicht Stress (alles psychische Vorbedingungen!) zu dem Knochenbruch geführt? Und beeinträchtigt nicht die Tatsache, dass wir Schmerzen haben, einen Gips tragen müssen, in der Beweglichkeit eingeschränkt sind, auch unsere psychische Gestimmtheit? Erwin Ringel sagte einmal: "Es gibt nur psychosomatische Erkrankungen und solche, von denen wir noch nicht wissen, dass es psychosomatische Erkrankungen sind."

Ein besonders eindrückliches Beispiel für das Zusammenwirken von Psyche, Geist und Körper und einen sich gerade vollziehenden Paradigmenwechsel in der Medizin ist der sogenannte Placebo-Effekt. Wir wissen heute, dass manchmal 30% und mehr Menschen selbst dann gesund werden, wenn sie medizinisch wirkungslose Placebos erhalten, einfach deshalb, weil sie glauben, ein wirksames Medikament erhalten zu haben. Hier bringt also eine rein geistige Information ("sie bekommen jetzt ein sehr wirksames Medikament") eine körperliche Verbesserung und bisweilen völlige Genesung. Nach dem alten Paradigma einer Trennung von Körper und Geist dürfte das eigentlich gar nicht möglich sein.

Aus diesem Grund kann Psychotherapie auch bei vielen körperlichen Erkrankungen, vor allem auch bei chronischen Erkrankungen, eine Besserung bewirken.

24.07.2017 10:30

Psychotherapie-Termin, sofort!

Immer wieder erreichen mich Anrufe oder Emails von Menschen, die sofort einen Termin haben möchten, am besten noch am gleichen Tag.

Als Psychotherapeut muss ich diesen Menschen dann erklären, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Ganz anders als bei Ärzten ist in der Psychotherapie ein sofortiger Termin weder sinnvoll noch notwendig. Psychotherapie ist ein längerer Prozess und dauert in der Regel ein bis zwei Jahre bei wöchentlichen Sitzungen, manchmal auch länger. Daher ist es ziemlich unerheblich, ob die Therapie sofort beginnt oder in sechs Wochen!

Sollte jemand wirklich akut gefährdet sein, sich selbst umzubringen oder jemandem anderen etwas anzutun, empfiehlt sich zur raschen Stabilisierung das Aufsuchen einer psychiatrischen Klinik oder Ambulanz, da in sehr akuten Krisensituationen medikamentöse Unterstützung notwendig sein kann.

Für eine Psychotherapie ist vor allem eines nötig: die Bereitschaft und Fähigkeit, sich wirklich tief auf eine Auseinandersetzung mit eigenen Gefühlen und Gedanken einzulassen. Wo diese Bereitschaft fehlt oder die Erwartungshaltung besteht, der Therapeut müsse die Probleme für den Klienten lösen, ist eine Therapie weder sinnvoll noch erfolgversprechend.

17.05.2017 14:36

Der Filterblasen-Unsinn

Insbesondere im Zusammenhang mit der amerikanischen Präsidentenwahl tauchten im Vorjahr die Schlagworte "Filterblase" und "Echokammer" auf. Damit sollte uns weisgemacht werden, dass wir uns zu einseitig informieren. Doch ist das wahr? Und wenn es wahr wäre, ist es neu?

Als Soziale Gruppe gilt in Soziologie und Psychologie eine Gruppe, deren Mitglieder sich über einen längeren Zeitraum in regelmäßigem Kontakt miteinander befinden, gemeinsame Ziele verfolgen und sich als zusammengehörig empfinden. Innerhalb der Gruppe entwickelt sich dabei neben gemeinsamen Normen und Wertvorstellungen eine gruppenspezifische Rollenverteilung (1). Die Definition einer sozialen Gruppe besteht also gerade darin, dass es sich um gleichgesinnte, ähnlich denkende Menschen handelt. Das gibt uns Sicherheit und ermöglicht uns, offener zu sein als im normalen Alltag. Diese Gruppen haben fast immer ähnliche Interessen, ähnliche Weltanschauung und vergleichbare politische Gesinnung. War das denn jemals anders?

In Zeiten vor Facebook und Co gab es den Stammtisch, diverse Vereine und Clubs, die genau diesen Sinn hatten, dass Menschen unter sich sein konnten. Und sie wollten ganz bewusst keine Menschen dort sehen, die hinsichtlich Weltanschauung und politischer Gesinnung ganz anders waren als sie selbst. Das Gleiche ergibt sich jetzt bei Facebook, Twitter, etc. So weit, so unspektakulär.

Darüber hinaus ist es eine Frage des Bewusstseins, inwieweit ich mitbekomme, was in der Welt vorgeht, welche Meinungen es gibt und welche Standpunkte. Und zu glauben, dass Facebook das Meinungsspektrum repräsentativ abbilde, ist eine weitere Fehlannahme. Bekanntermaßen werden die Extrempunkte besonders stark vertreten, während Menschen mit einer gemäßigteren Meinung kaum Kommentare posten. Sie lesen meist nur mit und werden dann von Angst überwältigt.  

Die implizite Aufforderung einiger Medien, wir sollten jetzt auch die Seiten jener Menschen lesen, deren Meinung wir ganz und gar nicht teilen, ist entweder nett gemeint und ein bisschen naiv oder ein dreister Manipulationsversuch. Abgesehen davon ist es ohnehin sinnvoller, politische Inhalte über viele verschiedene Kanäle (Zeitungen, Magazine, Fernsehen, politische Veranstaltungen, Diskussionen, etc.) zu verfolgen und nicht nur über ein Medium.

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Gruppe

19.04.2017 20:15

FABELhafte Denkanstösse

Fabelhafte Denkanstöße, von Elisabeth Alge-Koranda, ist ein Buch mit vielen Impulsen, Ideen und Gedanken. Es enthält über 40 kurze Geschichten und Gedichte voller Tiefe, Humor und Inspiration. Oftmals lassen sich die Geschichten aus den unterschiedlichsten Betrachtungswinkeln lesen und eröffnen jedes Mal neue Perspektiven.

Für Insider, als die ich Coaches, Psychologen und Psychotherapeuten bezeichnen möchte, ist es an vielen Stellen erkennbar, auf welches Konzept oder welche Theorie sich eine Geschichte bezieht. Alleine das befriedigt wegen des Wiedererkennungseffekts den aufmerksamen Leser. Aber auch der psychologische Laie wird viele neue Erkenntnisse gewinnen. Und vielleicht ist das Schönste, was man über dieses Buch sagen kann, dass es die Phantasie anregt und an manchen Stellen zum Träumen verleitet.

Die Autorin spielt in vielen Geschichten mit dem Wechsel von Perspektiven. Das kommt am klarsten zum Ausdruck in den Geschichten mit dem „grünen Dings“, einem außerirdischen Wesen, das den Bewohnern seines Heimatplaneten minutiös die seltsamen Verhaltensweisen der Erdlinge berichtet oder auch in dem Papagei, der bei jeder Gelegenheit fragt: „Und was ist das Gute daran?“ Der Leser erhält so die Möglichkeit, die Dinge auch einmal ganz anderes zu sehen, zu dekonstruieren und neu zu bewerten.

Völlig unaufdringlich und zart zieht sich durch fast alle Geschichten ein Hauch von Gesellschaftskritik, die unseren Lebensstil hinterfragt und an mehreren Stellen aufzeigt, wie allmählich nicht Materie und Geld, sondern Zeit unser wertvollstes Gut geworden ist.

Aus ganz praktischer Sicht ist das Buch wegen der Kürze seiner Geschichten ideal als Lektüre in öffentlichen Verkehrsmitteln geeignet. Als Impulsgeber und Ideenlieferant ist es sicherlich auch hervorragend geeignet im Rahmen von Beratung, Coaching und Therapie.

05.04.2017 19:29

Psychotherapie ist Selbstentdeckung

Sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft können von Psychotherapie profitieren. Niemand muss dafür "gestört" oder gar "verrückt" sein. Es reicht völlig, wenn jemand mit bestimmten Aspekten seines Lebens nicht so gut klar kommt, wie er das selber gerne möchte. Wenn beispielsweise Beziehungen immer wieder recht unbefriedigend verlaufen oder rasch enden oder wenn jemand im Beruf unzufrieden ist und das Gefühl hat, seine einzigartigen Fähigkeiten und Begabungen nicht gut einbringen zu können.

Psychotherapie brauchen daher nur wenige Menschen, von Psychotherapie profitieren können jedoch fast alle.

Allerdings gilt es zu wissen, was Psychotherapie ist und was sie nicht ist. Wer erwartet, dass der Therapeut seine Probleme löst, wird enttäuscht werden. In einer Psychotherapie geht es primär um eine intensive und tiefgründige Selbsterforschung, um das Kennenlernen all unserer Stärken und Schwächen sowie um das Aufdecken der Ursache von heutigen Verhaltensmustern. Am Ende sollen Sie sich selbst besser verstehen und mit allen Persönlichkeits-Anteilen annehmen können. Dazu ist eine intensive Auseinandersetzung mit Ihren Gefühlen, Ihrem Körper und Ihren Gedanken nötig, die Ihnen niemand abnehmen kann.

Ein Therapeut ist dazu da, kluge Fragen zu stellen und Sie mit der Nase auf Zusammenhänge zu stoßen, an die Sie bisher nicht gedacht haben. Er wird Ihnen aber keine Rezepte liefern und auch keine Ratschläge geben. Sie sollen vielmehr Ihre Lösungen finden und nicht die von anderen übernehmen. Am Ende wird ein klareres und viel vollständigeres Verständnis Ihrer eigenen Persönlichkeit stehen, Sie werden mehr Möglichkeiten haben als zuvor und eigene Schattenanteile nicht mehr so häufig auf andere projizieren, sondern immer öfters die Frage stellen: Was ist mein Anteil an diesem Konflikt oder Problem?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren wird, wenn alles gut läuft, lebenslang weitergehen, aber Sie werden sehr bald schon keinen Therapeuten mehr dazu benötigen.

20.03.2017 15:26

Multitasking ist gesundheitsschädlich

Lange Zeit galt Multitasking, also die Fähigkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, als überaus erstrebenswert. Schließlich kann auch jeder Computer parallel fünf, sechs oder mehr Programme gleichzeitig verarbeiten. Wieso also sollten wir Menschen das nicht können?

Interessanterweise haben Hirnforscher immer jene Metapher für die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gewählt, die der jeweiligen Technik der Zeit entsprach. Waren das im 19. Jahrhundert hydraulische Hirnmodelle, gehen wir heute davon aus, das menschliche Gehirn funktioniere wie ein Computer. Genau das ist aber grundfalsch.

Erst seit wenigen Jahren wissen wir, dass das sogenannte Multitasking in hohem Maß gesundheitsschädlich ist. Wird das Gehirn gezwungen, ständig zwischen mehreren Aufgaben hin und her zu springen (z.B.: Auto fahren, telefonieren, SMS versenden, mit dem Beifahrer sprechen), so erzeugt das einerseits Stress und führt andererseits zu einem erheblichen Konzentrations- und Leistungsverlust.

Das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, Informationen wirklich tief zu verarbeiten. Sie werden jetzt nur mehr oberflächlich bearbeitet. Als Spätfolge dieses Dauerstresses im Gehirn kommt es schließlich dazu, dass der betreffende Mensch nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Themen unterscheiden kann. Der nicht endende Stress führt zu Burnout oder sehr langfristig sogar zu hirndegenerativen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Alzheimer.

Tipp: Machen Sie mal einen Spaziergang und lassen Ihr Handy zu Hause oder legen Sie einen handyfreien Tag ein.

23.02.2017 18:00

Was bringt Psychotherapie?

Vielen Menschen fällt es generell schwer, Hilfe anzunehmen. Besonders schwer scheint das aber dann, wenn es um psychische Konflikte, Stress und traumatische Erfahrungen geht. Niemand würde wohl meinen, mit einem Knochenbruch oder einer Lungenentzündung selber fertig werden zu können. Wenn es aber um die Psyche geht, sieht das leider immer noch anders aus.

Die Aussage von Freunden: "Such dir einen Psychologen!", wird selten als mitfühlender Rat empfunden, sondern vielmehr als Versuch jemanden zu stigmatisieren oder auszugrenzen. Wenn Sie einer Freundin/einem Freund wirklich eine Therapie empfehlen wollen, ist es meist hilfreicher, von eigenen positiven Erfahrungen mit psychologischer Beratung und Psychotherapie zu berichten. Das wirkt sehr viel motivierender!

Das Besondere an einer Therapiesituation ist einerseits, dass ich als Klient vollkommen angenommen werde wie ich bin, dass jeder Gedanke, jedes Gefühl, jedes noch so bizarre Verhalten sein darf und dass andererseits der Therapeut überaus achtsam darüber wacht, was echt an mir ist und was unecht. Anders ausgedrückt: ich werde als Mensch total angenommen, während meine Rollen, die ich mir zu spielen angewöhnte, um ein falsches Selbstbild von mir aufrecht zu erhalten, systematisch frustriert werden. Das führt schließlich dazu, dass ich mich von gesellschaftlichen Erwartungen frei machen kann und immer authentischer der werde, der ich eigentlich bin, mit all meinen Fähigkeiten, Begabungen und vielleicht auch Schwächen.

14.02.2017 13:00

Psychotherapie verändert das Gehirn

Dass Psychotherapie das Gehirn verändern kann, hatte man schon länger vermutet. Nun hat ein Schweizer Forscherteam diese Vermutung bestätigt. Durch eine mehrwöchige Therapie normalisierten sich insbesondere jene Gehirnstrukturen, die für die Regelung und Verarbeitung von Emotionen zuständig sind (vgl. Artikel "Psychotherapie kann Gehirn verändern" in Wiener Zeitung. 6.2.2017)

Psychotherapie scheint insbesondere deshalb nützlich zu sein, weil wortwörtlich alte neuronale Bahnen verlassen werden und das Gehirn angeregt wird, neue Vernetzungen zu bilden. Insofern scheint auch all das in der Therapie hilfreich zu sein, was den Klienten dazu motiviert, Neues auszuprobieren.

Besonders im Falle einer Depression weist etwa Grawe (2004) darauf hin, dass die kurzfristige Besserung nach etwa 6 bis 10 Wochen Therapie trügerisch sein kann. Vereinfacht ausgedrückt liegt das daran, dass die neuronalen Bahnen für Trauer, Leid und Depression im Gehirn quasi wie Autobahnen ausgebaut sind, während die neuronalen Netzwerke für Freude und andere positive Gefühle eher schmalen Fußwegen entsprechen.

Eine Therapie sollte demnach so lange dauern, bis der Klient ausreichend Fähigkeiten entwickelt hat, sich zu freuen, positive Aktivitäten von sich aus zu suchen und Strategien entwickelt hat, depressiver Stimmung aktiv vorzubeugen. Nur dann ist gewährleistet, dass die entsprechenden Strukturen im Gehirn ausreichend gefestigt sind, um einen Rückfall in die Depression zu verhindern.

Literatur
Grawe, Klaus (2004). Neuropsychotherapie. hogrefe Verlag.

27.01.2017 14:19

Buch-Tipp

Das Buch "Die Behandlung der Opfer" ist ein sehr ausgewogenes und differenziertes Buch über traumatherapeutische Arbeit mit Flüchtlingen. Klaus Ottomeyer ist spürbar ein Praktiker, der offen und kritisch prüft, welche Konzepte und Techniken funktionieren und welche eher weniger hilfreich sind. Das Buch geht außerdem recht ausführlich der Frage nach, inwiefern gesellschaftspolitischer Diskurs und Behördenwillkür zu sekundären Traumatisierungen führen können und führen. Die Auseinandersetzung mit Themen wie Schuld, Vergebung und Versöhnung am Ende des Buches hat in der Fachliteratur Seltenheitswert und machen das Buch auch deshalb besonders lesenswert.

Klaus Ottomeyer. Die Behandlung der Opfer: Über unseren Umgang mit dem Trauma der Flüchtlinge und Verfolgten.
18.01.2017 14:17

Fake-News aus gestalttherapeutischer Sicht

Falsche Behauptungen, Lügen, Auslassungen von Informationen und bewusste Irreführung gab es wohl immer. Allerdings scheint es so, dass wir gegenwärtig häufiger auf solche Unwahrheiten hereinfallen.

Das mag einerseits eine direkte Auswirkung unseres beinahe blinden Vertrauens in die Technik sein, andererseits aber auch Indiz für eine zunehmende Sinnes-Blindheit. Wir vertrauen unseren Augen, Ohren und unserer Nase nicht mehr. Wir hören kaum auf die Signale unseres Körpers und wir scheinen kritisches Denken immer mehr zu verlernen. Dazu kommt vielleicht noch eine Überforderung durch die Komplexität einer sich rasch verändernden Welt, die uns anfällig macht für sehr simple Botschaften, so unwahr sie auch sein mögen.

Ein wesentliches Element der Gestaltarbeit ist das vollständige Spüren, Erfahren und Annehmen des Hier und Jetzt. Was sehe ich gerade jetzt? Was höre ich hier im Raum? Wie erlebe ich meinen Körper, meine Atmung, meinen Herzschlag? Was denke ich gerade jetzt über das Gesehene, das Gehörte oder mein Gegenüber? Welche Gefühle erlebe ich gerade?

Kommunikation im Internet läuft oft so, dass ich eben nicht mit dem Sender einer Botschaft in echten Kontakt gehe, sondern ein einzelnes Stichwort dazu führt, sofort mit meinen eigenen Vorurteilen und Meinungen in Kontakt zu gehen, also mit dem, was ich über eine Situation denke. Genau dann höre ich nicht mehr zu, sehe ich nicht mehr hin und der Kontakt bricht ab. Ich überprüfe dann auch gar nicht mehr, ob das stimmen kann, was ich gerade gesehen oder gelesen habe.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wissen nicht, was andere Menschen denken und fühlen. Wir interpretieren ihr Verhalten und sind dann wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt.

 

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen. (Chinesische Weisheit)

Weitere Artikel

Zahlreiche weitere Artikel zum Thema Psychotherapie und insbesondere Gestalttherapie finden Sie auch in meinem psyonline-Blog.