Dysfunktionale Kommunikation
Beinahe jeder von uns geriet schon mal in eine Auseinandersetzung, die wenig konstruktiv verlaufen ist und dysfunktionale Kommunikationsmuster enthielt. Damit sind Kommunikationsmuster gemeint, die nicht mehr sachlich sind, sondern auf die Entwertung und Herabsetzung des Gegenübers abzielen. Vielleicht haben Sie dabei Sätze gehört wie:
„Ich bin nun mal so, wie ich bin. Damit musst du klarkommen.“
„Du hast kein Problem mit mir, du hast ein Problem mit dir selbst!“
„Das bildest du dir ein.“
„Du überreagierst wieder einmal.“ oder
„Wie kann man nur so dumm sein?“
Solche Sätze sind mehr als bloße Unhöflichkeiten. Sie können Ausdruck entgleisender und misslingender Kommunikation sein, bei der es nicht mehr darum geht, einen Konflikt zu klären, sondern darum, die Kontrolle über die Situation und mitunter auch über den anderen Menschen zu gewinnen. Solche Muster findet man häufig im Zusammenhang mit narzisstischen Persönlichkeitszügen, aber keineswegs ausschließlich dort. Auch emotional unreife Menschen oder Menschen, die nie gelernt haben, Konflikte konstruktiv auszutragen, können auf Abwertung, Projektion, Schuldumkehr oder Verleugnung zurückgreifen. Entscheidend ist deshalb weniger das Etikett als das wiederkehrende destruktive Beziehungsmuster.
Wenn die Wahrnehmung des anderen zum Problem erklärt wird
Eine besonders problematische Strategie besteht darin, nicht auf die geäußerte Kritik einzugehen, sondern die Wahrnehmung des Gegenübers zu diskreditieren: „Das war überhaupt nicht so“, „Das bildest du dir ein“, „Du bist viel zu empfindlich“, „Du machst aus allem ein Drama“. Damit wird die Diskussion unmerklich verschoben. Nicht mehr das ursprüngliche Verhalten steht zur Debatte, sondern die Frage, ob der andere überhaupt berechtigt ist, etwas zu empfinden oder wahrzunehmen.
Psychologisch kann eine solche Invalidierung erheblich verunsichern. Der Fachbegriff Invalidierung bedeutet, dass das emotionale Erleben und Verhalten eines Menschen von seiner Umwelt entwertet oder für ungültig erklärt wird. Wer immer wieder hört, seine Wahrnehmung sei falsch oder seine Gefühle seien unangemessen, kann beginnen, der eigenen Einschätzung zu misstrauen. Der populäre Begriff Gaslighting sollte allerdings nicht für jeden Streit verwendet werden. Von Gaslighting zu sprechen, ist insbesondere dann sinnvoll, wenn die Wahrnehmung des anderen systematisch und wiederholt manipuliert oder geleugnet wird, um dessen Orientierung und Selbstvertrauen zu untergraben. Eine hilfreiche Entgegnung wäre deshalb nicht unbedingt: „Doch, es war genau so!“ Viel wirksamer kann sein: „Ich nehme es anders wahr.“ Damit verteidigt man die eigene Wahrnehmung, ohne sich auf einen endlosen Beweisstreit einzulassen.
Nicht jede Provokation braucht eine Rechtfertigung
Dysfunktionale Kommunikation lebt häufig davon, dass der andere sich rechtfertigt. Auf „Du bist das Problem!“ folgt eine ausführliche Erklärung, warum das nicht stimmt. Auf diese Erklärung folgt der nächste Vorwurf und schon befindet man sich in einer endlosen Auseinandersetzung. Hier hilft ein Prinzip, das in der Kommunikation mit hochkonflikthaften Menschen besonders wertvoll ist: nicht unnötig rechtfertigen, argumentieren, verteidigen und erklären. Stattdessen können kurze, sachliche Antworten die Dynamik unterbrechen:
„Das ist deine Meinung.“
„Ich sehe das anders.“
„Mein Verhalten können wir gerne besprechen. Beleidigungen akzeptiere ich nicht.“
„Ich übernehme Verantwortung für meinen Anteil. Für deinen bist du selbst verantwortlich.“
„Darüber diskutiere ich nicht.“
Dabei geht es nicht um Schlagfertigkeit. Ziel ist vielmehr, dem anderen möglichst wenig neue Angriffsfläche zu bieten.
Grenzen statt Gegenangriff
Eine Grenze ist keine Drohung und auch kein Versuch, den anderen zu kontrollieren. Sie beschreibt vielmehr, was man selbst akzeptiert und welche Konsequenz man daraus zieht. „Du musst meine Grenze nicht für berechtigt halten. Du musst sie nur respektieren.“ Oder: „Wenn du mich weiterhin beleidigst, beende ich dieses Gespräch.“ Das kann zunächst ungewohnt sein. Wer gelernt hat, Harmonie durch Nachgeben, Erklären oder Beschwichtigen herzustellen, erlebt eine klare Grenze möglicherweise sogar als aggressiv. Tatsächlich kann sie aber eine Voraussetzung für eine respektvolle Beziehung sein. Menschen, die in der Lage sind, klare Grenzen zu setzen, werden häufig von ihrer Umwelt deutlich mehr respektiert als jene, die immer wieder beschwichtigen oder einlenken.
Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Verantwortung und Schuld. In einem konstruktiven Konflikt können beide Beteiligten ihren Anteil betrachten. In einem dysfunktionalen Konflikt wird dagegen häufig versucht, die gesamte Verantwortung dem anderen zuzuschieben: „Wegen dir bin ich so geworden!“ – „Wenn du nicht ständig provozieren würdest, müsste ich mich nicht so verhalten!“ Darauf muss man sich nicht einlassen. Ein nüchterner Satz genügt: „Ich bin für mein Verhalten verantwortlich. Du bist für deines verantwortlich.“
Autonomie statt Kampf um die Deutungshoheit
Die vielleicht wichtigste Fähigkeit im Umgang mit solchen Kommunikationsmustern besteht darin, die eigene psychische Autonomie zu bewahren. Man muss nicht jede Unterstellung widerlegen, jede fremde Bewertung korrigieren und den anderen davon überzeugen, dass man im Recht ist. Manchmal ist die stärkste Antwort deshalb erstaunlich unspektakulär:
„Ich sehe das anders.“
„Das entscheide ich selbst.“
„Ich weiß, was ich erlebt habe.“
„Nein.“
Und manchmal lautet die angemessenste Antwort überhaupt: „Dieses Gespräch führe ich nicht weiter.“
Denn ein Konflikt lässt sich nur dann konstruktiv lösen, wenn beide Beteiligten bereit sind, die Wahrnehmung des jeweils anderen grundsätzlich als berechtigt anzuerkennen. Wo einer der beiden Gesprächspartner dagegen immer wieder versucht, die Realität des anderen zu definieren, besteht die psychologisch sinnvollere Aufgabe möglicherweise nicht darin, das Gespräch zu gewinnen, sondern darin, die eigene Realität, die eigenen Grenzen und die eigene Entscheidungsfähigkeit zu bewahren. Und in manchen Fällen ist es vielleicht auch nützlich, zu schweigen und das Gespräch wortlos zu beenden.
Was Psychotherapie tun kann
Psychotherapie kann helfen dysfunktionale Kommunikationsmuster zu erkennen und die eigene Kommunikation zu verbessern bzw. das eigene Selbstvertrauen zu stärken. Gerade die besorgte Frage mancher Klienten: "Glauben Sie mir wenigstens?", liefert Therapeuten oft Hinweise darauf, dass Menschen lange Zeit einem derart destruktiven Kommunikationsstil ausgesetzt waren. Psychotherapie hat hier die Aufgabe, den Klienten den Rücken zu stärken, unbewusste Muster hinter der permanenten Entwertung, Projektion und Schuldverschiebung zu erkennen und ihnen zunehmend wirksam begegnen zu können. In manchen Fällen mag die Lösung auch in einem Abbruch einer derart destruktiven Beziehung liegen.
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