Sprache und was sie über uns verrät

Bisweilen sprechen Menschen recht unpersönlich und, wie ich das nennen möchte, "substantivisch". Beispiele dafür wären: „Da ist so eine Traurigkeit“, „Die Depression hat mich wieder im Griff“ oder „Die Angst lässt mich einfach nicht los.“ Solche Sätze hören Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten häufig. Sie wirken auf den ersten Blick ganz gewöhnlich. Tatsächlich verrät die Art, wie wir über unsere Gefühle sprechen, aber oft etwas Entscheidendes darüber, wie wir sie erleben.

Wenn Gefühle zu Dingen werden

Auffällig ist, dass wir Gefühle häufig wie eigenständige Objekte behandeln. Wir sprechen von der Angst, der Depression oder einer Traurigkeit, fast so, als wären sie Wesen, die unabhängig von uns existierten und über uns bestimmten. Das kann durchaus hilfreich sein. Wer sich von überwältigenden Gefühlen etwas distanziert, gewinnt manchmal zunächst etwas Ruhe und Abstand. Gerade in einer akuten Krise kann diese innere Distanz entlastend sein. Langfristig kann diese Sprechweise jedoch auch eine Kehrseite haben. Denn wenn „die Traurigkeit“ etwas ist, das mir widerfährt, bleibt oft nur eines übrig: abzuwarten, bis sie wieder verschwindet. Ich werde leicht zum Zuschauer meines eigenen Erlebens. Ich komme in eine Passivität und verliere die gestaltende Rolle, die mich vielleicht aus meinen Gefühlen auch wieder herausführen könnte.

Vom Opfer zum Gestalter

Die Gestalttherapie lädt dazu ein, einen kleinen sprachlichen Schritt zu machen: Statt zu sagen: „Da ist eine Traurigkeit“, könnte man sagen: „Ich fühle mich traurig.“ Oder statt: „Die Depression quält mich“, eher: „Ich erlebe gerade depressive Gefühle.“ Der Unterschied scheint gering zu sein, verändert aber häufig die innere Haltung. Plötzlich gibt es nicht mehr zwei voneinander getrennte Einheiten, mich hier und die Traurigkeit dort. Stattdessen erkenne ich an: Dieses Gefühl gehört im Moment zu meinem Erleben. Das bedeutet keineswegs, dass ich Schuld an meinen Gefühlen oder einer psychischen Erkrankung hätte. Gefühle suchen wir uns nicht einfach aus. Doch wir können lernen, bewusster mit ihnen umzugehen. Mit der Formulierung „Ich fühle mich traurig“, übernehme ich Verantwortung für den Umgang mit meinem Erleben. Verantwortung bedeutet hier nicht Schuld, sondern die Bereitschaft, Einfluss auf das zu nehmen, was in meinem Leben möglich ist.

Eine andere Art zu fragen

Deshalb achten Gestalttherapeut:innen sehr genau auf Sprache. Sie hören nicht nur auf den Inhalt einer Erzählung, sondern auch darauf, wie jemand über sich spricht.

Statt sofort nach den Ursachen zu suchen, könnten Fragen lauten:

  • Wie machen Sie sich gerade traurig?
  • Wo in Ihrem Körper spüren Sie diese Traurigkeit?
  • Welche Gedanken gehen mit diesem Gefühl einher?
  • Was tun Sie im Moment, das dieses Gefühl verstärkt?
  • Und was könnten Sie tun, damit es sich verändert?

Um Veränderung zu ermöglichen, formulieren Gestalttherapeut:innen gelegentlich auch paradox, indem Sie zum Beispiel fragen: "Wie könnten Sie sich im Moment noch trauriger, noch einsamer, noch depressiver machen?" Falls das nämlich gelingt, hat der Klient oder die Klientin implizit gelernt, dass er/sie etwas verändern kann. Und wenn das in die eine Richtung geht, in das Verstärken des Gefühls, dann geht es auch in die andere Richtung, die Entlastung und Verringerung des Gefühls.

Diese Fragen mögen zunächst ungewohnt klingen. Sie verfolgen jedoch ein wichtiges Ziel: den Menschen wieder mit seinen eigenen Möglichkeiten in Kontakt zu bringen. Indem wir Verantwortung für unser Fühlen übernehmen, können wir mehr verändern, als wenn wir uns als passives Opfer eines Gefühls erleben, das uns von außen überfällt.

Gefühle entstehen nicht im luftleeren Raum

Unsere Gefühle sind eng mit unseren Gedanken, Bewertungen, Erinnerungen und unserem Verhalten verbunden. Wenn wir erkennen, wie wir selbst an unserem aktuellen Erleben beteiligt sind, entdecken wir oft auch neue Handlungsmöglichkeiten. Vielleicht bemerke ich, dass ich mich seit Tagen zurückziehe und kaum noch Menschen treffe. Vielleicht fällt mir auf, dass ich mich ständig selbst kritisiere oder mich mit anderen vergleiche. Vielleicht erkenne ich, dass ich meine Bedürfnisse seit Wochen ignoriere. An all diesen Punkten kann Veränderung beginnen.

Sprache schafft Wirklichkeit

Die Worte, die wir wählen, sind nicht nur eine Beschreibung unserer Wirklichkeit. Sie formen auch unsere innere Haltung. Wer ausschließlich erlebt, dass Gefühle ihn „überfallen“, „beherrschen“ oder „quälen“, empfindet oft wenig Handlungsspielraum. Wer dagegen sagen kann: „Ich fühle mich traurig“, „Ich denke gerade sehr pessimistisch“ oder „Ich merke, wie ich mich zurückziehe“, erlebt sich häufig wieder als aktiven Teil seines eigenen Lebens. Das bedeutet nicht, dass schwierige Gefühle sofort verschwinden. Aber es eröffnet die Möglichkeit, ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Manchmal beginnt Veränderung tatsächlich mit einem einzigen Satz und mit der Bereitschaft, aus „Da ist eine Traurigkeit“ ein „Ich fühle mich traurig“ werden zu lassen.

KI-Hinweis: Das Bild für diesen Artikel wurde mit der KI Gemini erstellt. Für die sprachliche Ausarbeitung dieses Beitrags wurde ein KI-Assistenzsystem verwendet. Die fachlichen Inhalte wurden von mir erstellt, geprüft und verantwortet.