Blog und Aktuelles

08.05.2018 07:38

Abschied vom Mythos Monogamie

Eine monogame Beziehung erscheint vielen Menschen als erstrebenswert und ideal. In der Praxis kommt diese jedoch nur sehr selten vor. Ein Seitensprung erscheint vielen Menschen dann als Katastrophe und ist entweder Anlass für schlechtes Gewissen oder Eifersucht.

Tim Kurt Wiesendanger wirft in seinem neuen Buch "Abschied vom Mythos Monogamie" die Frage auf, ob das zwingend so sein muss. Er argumentiert einerseits biologisch, in dem Sinne dass die Geschlechtsorgane und sekundären Geschlechtsmerkmale des Menschen untypisch sind für monogame Arten, andererseits bringt er das Anima-/Animus-Konzept von C.G. Jung ins Spiel, um aufzuzeigen, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse auf Herz- und sexueller Ebene haben. Und so dürfte eine monogame Beziehung nicht für jeden Menschen gleichermaßen passend sein.

Überlegenswert ist in jedem Fall die Frage, ob ein Seitensprung immer die ganz große Katastrophe oder gar ein Scheidungsgrund sein muss. Erhellend sind auch die Stellen, in denen er über Eifersucht spricht, die ja vielen Menschen fälschlicherweise als Beweis für Liebe gilt, tatsächlich aber, wie Erich Fromm schon vor Jahrzehnten argumentierte, eher auf das Fehlen von Liebe hinweist.

Der Autor Dr. Tim K. Wiesendanger ist Fachpsychologe und Psychotherapeut in Zürich, arbeitet überwiegend mit LGBTs und hat mehrere Fachbücher zum Thema Homosexualität veröffentlicht.

21.03.2018 13:33

Schlafprobleme ernst nehmen!

Schlafprobleme kennt wohl jeder Mensch. Bestehen sie über längere Zeit, könnten tiefer liegende Probleme vorliegen, die in einer Psychotherapie und medizinisch abgeklärt werden müssen. Kurzfristig können vom Arzt verschriebene Schlafmittel (Benzodiazepine, Antidepressiva) hilfreich sein, mittel- und langfristig verursachen sie jedoch noch größere Probleme.

Darüber schrieb gerade auch die Tiroler Tageszeitung: https://tinyurl.com/Schlafprobleme-ernst-nehmen

18.01.2018 10:59

Beratung, Therapie, Coaching?

Für viele KlientInnen, die zum ersten Mal einen Psychologen oder Psychotherapeuten (Unterschiede der einzelnen Berufe siehe: Psy-Berufe) anrufen oder anrufen möchten, ist unklar, was sie eigentlich benötigen: eine jahrelange Therapie, eine kurze Beratung, ein Coaching? Genau diese Frage kann ein Erstgespräch klären, bei dem Sie nicht nur die Psychologin oder Psychotherapeutin kennenlernen, sondern auch eine fundierte Experteneinschätzung erhalten, was in Ihrem Fall das Problem ist und welche Schritte sinnvoll sind, um Ihnen zu helfen.

Vielleicht haben Sie schon seit einigen Monaten oder gar Jahren das Gefühl, dass manche Ihrer Schwierigkeiten Ihnen über den Kopf wachsen und Sie alleine nicht mehr weiterkommen. Aber gleich einen Psychotherapeuten anzurufen, das erscheint dann doch ein wenig übertrieben. Andererseits möchten Sie vielleicht auch Ihre Angehörigen nicht länger mit Ihren Probleme belasten. Was also tun?

Vielleicht ist es in dem Zusammenhang wichtig zu wissen, dass es zur Kernkompetenz sowohl eines Klinischen Psychologen als auch eines Psychotherapeuten gehört, im Rahmen eines Erstgesprächs genau jene Fragen zu stellen, die eine klare Beurteilung erlauben, was denn für einen Menschen hilfreich und sinnvoll ist. Bei manchen Fragestellungen reicht eine Kurzzeitberatung von wenigen Stunden, in anderen Fällen wird eine längere Therapie nötig sein. Im Durchschnitt dauert eine Psychotherapie ein bis zwei Jahre bei wöchentlichen Sitzungen, Abweichungen nach oben und unten sind möglich. Ein Coaching für ein berufliches Thema (Arbeitsplatzwechsel, Übernahme einer Führungsaufgabe, Konflikte mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten) dauert in der Regel 10 bis maximal 20 Sitzungen.

Die genaue Anamnese ist sowohl beim Arzt als auch in der Psychotherapie und Psychologie die wichtigste Voraussetzung, damit einem Patienten/Klienten wirklich geholfen werden kann. Genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, das Erstgespräch wie eine normale Sitzung zu berechnen, auch wenn ich weiß, dass KollegInnen das vereinzelt anders handhaben. Auch wenn Sie sich gegen eine Therapie bei mir entscheiden, können Sie versichert sein, dass Sie nach einem Erstgespräch fundierte Informationen erhalten werden, was genau Ihr Thema ist und welche Schritte es gibt, dieses Problem zu bewältigen oder zu lindern.

24.11.2017 18:43

Was ist Gestalttherapie?

Es ist relativ leicht, einem Psychotherapeuten, der eine andere Methode erlernt hat, zu erklären, was Gestalttherapie ist. Umso schwerer ist es, dies einem Menschen zu erklären, der mit Psychotherapie bisher gar nichts zu tun hatte. Wäre die Aufgabe, in drei Sätzen zu erklären, was Gestalttherapie ist, könnte diese Erklärung wie folgt lauten:

Gestalt bedeutet Ganzheit und in diesem Sinne will Gestalttherapie unsere Ressourcen, Fähigkeiten und Begabungen gezielt fördern, um eine vollständigere, "rundere" Persönlichkeit zu werden. Wir gehen davon aus, dass der Mensch über enorme Selbstheilungskräfte verfügt und nur Hindernisse beseitigt werden müssen, um natürliches und gesundes Wachstum wieder zu ermöglichen. Dieses Beseitigen von Hindernissen wird dabei als "Schließen von Gestalten" verstanden, also als ein Abschließen alter Angelegenheiten, womit dann Energie frei wird, neue Wege und Lösungen auszuprobieren.

Ein sehr einfaches Beispiel für eine nicht geschlossene Gestalt ist ein Krimi, bei dem Sie das Ende nicht sehen/lesen. Geschlossen wäre die Gestalt dann, wenn Sie wissen, wie er ausgeht. Erst dann ist die Geschichte "rund" geworden. So ähnlich ist es auch mit Konflikten, die nie zu einem Ende, einer Aussprache, einer Lösung geführt haben.

Ergänzen würde ich gegebenenfalls noch, dass wir in der Gestalttherapie viel Wert auf das Hier und Jetzt legen, das heißt auf spontane Reaktionen, Körperhaltungen, Mimik und Gestik im Moment der Therapiesituation. Nicht die Kindheit ist das Problem oder das Mobbing vor 20 Jahren, sondern dass schwierige Situationen von damals im JETZT Probleme verursachen, für die wir gerne, jetzt, neue und bessere Lösungen finden möchten. Dafür benötigen Sie nicht in erster Linie kluge Erklärungen und Theorien, sondern Ihre natürlichen Fähigkeiten und Begabungen, die Ihnen mithilfe einer Gestalttherapie wieder besser zugänglich werden.

20.10.2017 13:51

Nur psychosomatisch?

Lange Zeit war man in der Medizin der Meinung, es gäbe somatische, also rein körperliche Erkrankungen, und psychische Erkrankungen, die davon unabhängig auftreten könnten. Eine solche Trennung von Psyche, Geist und Körper gilt heute als veraltet. Inzwischen geht man in der Wissenschaft davon aus, dass bei allen Erkrankungen Psyche, Geist und Körper zusammenwirken.

Ein Beispiel dafür wäre die Psychoneuroimmunologie, die die Zusammenhänge zwischen psychischen Vorgängen (z.B. Stress) und der Funktionsfähigkeit des Immunsystems untersucht. Heute weiß man, dass Depressionen, Ängste oder übermäßiger Stress, die Funktionsweise des Immunsystems beeinträchtigen und Menschen damit anfälliger für Infektionskrankheiten werden können.

Vereinfacht ausgedrückt kann jede psychische Störung körperliche Erkrankungen auslösen oder verschlimmern so wie auch jede körperliche Erkrankung uns psychisch beeinträchtigen kann. Nehmen wir etwa einen Beinbruch, bei dem nun wirklich nahezu jeder Mensch sagen würde, das ist ja nun eindeutig NUR körperlich. Aber ist das wahr? Hat nicht Unachtsamkeit, Müdigkeit oder vielleicht Stress (alles psychische Vorbedingungen!) zu dem Knochenbruch geführt? Und beeinträchtigt nicht die Tatsache, dass wir Schmerzen haben, einen Gips tragen müssen, in der Beweglichkeit eingeschränkt sind, auch unsere psychische Gestimmtheit? Erwin Ringel sagte einmal: "Es gibt nur psychosomatische Erkrankungen und solche, von denen wir noch nicht wissen, dass es psychosomatische Erkrankungen sind."

Ein besonders eindrückliches Beispiel für das Zusammenwirken von Psyche, Geist und Körper und einen sich gerade vollziehenden Paradigmenwechsel in der Medizin ist der sogenannte Placebo-Effekt. Wir wissen heute, dass manchmal 30% und mehr Menschen selbst dann gesund werden, wenn sie medizinisch wirkungslose Placebos erhalten, einfach deshalb, weil sie glauben, ein wirksames Medikament erhalten zu haben. Hier bringt also eine rein geistige Information ("sie bekommen jetzt ein sehr wirksames Medikament") eine körperliche Verbesserung und bisweilen völlige Genesung. Nach dem alten Paradigma einer Trennung von Körper und Geist dürfte das eigentlich gar nicht möglich sein.

Aus diesem Grund kann Psychotherapie auch bei vielen körperlichen Erkrankungen, vor allem auch bei chronischen Erkrankungen, eine Besserung bewirken.

24.07.2017 10:30

Psychotherapie-Termin, sofort!

Immer wieder erreichen mich Anrufe oder Emails von Menschen, die sofort einen Termin haben möchten, am besten noch am gleichen Tag.

Als Psychotherapeut muss ich diesen Menschen dann erklären, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Ganz anders als bei Ärzten ist in der Psychotherapie ein sofortiger Termin weder sinnvoll noch notwendig. Psychotherapie ist ein längerer Prozess und dauert in der Regel ein bis zwei Jahre bei wöchentlichen Sitzungen, manchmal auch länger. Daher ist es ziemlich unerheblich, ob die Therapie sofort beginnt oder in sechs Wochen!

Sollte jemand wirklich akut gefährdet sein, sich selbst umzubringen oder jemandem anderen etwas anzutun, empfiehlt sich zur raschen Stabilisierung das Aufsuchen einer psychiatrischen Klinik oder Ambulanz, da in sehr akuten Krisensituationen medikamentöse Unterstützung notwendig sein kann.

Für eine Psychotherapie ist vor allem eines nötig: die Bereitschaft und Fähigkeit, sich wirklich tief auf eine Auseinandersetzung mit eigenen Gefühlen und Gedanken einzulassen. Wo diese Bereitschaft fehlt oder die Erwartungshaltung besteht, der Therapeut müsse die Probleme für den Klienten lösen, ist eine Therapie weder sinnvoll noch erfolgversprechend.

09.06.2017 06:25

Neue Praxisfotos

Seit einiger Zeit gibt es hier auf meiner Website neue Bilder meiner Praxis, die von Mag. Hans-Georg Maier (www.praxisfotos.at) angefertigt wurden. Die älteren Bilder waren schon etwas in die Jahre gekommen und zeigten teilweise eine Inneneinrichtung, die es so gar nicht mehr gibt.

Alle Praxisbilder sind durch Klick auf das Bild rechts zu erreichen.

17.05.2017 14:36

Der Filterblasen-Unsinn

Insbesondere im Zusammenhang mit der amerikanischen Präsidentenwahl tauchten im Vorjahr die Schlagworte "Filterblase" und "Echokammer" auf. Damit sollte uns weisgemacht werden, dass wir uns zu einseitig informieren. Doch ist das wahr? Und wenn es wahr wäre, ist es neu?

Als Soziale Gruppe gilt in Soziologie und Psychologie eine Gruppe, deren Mitglieder sich über einen längeren Zeitraum in regelmäßigem Kontakt miteinander befinden, gemeinsame Ziele verfolgen und sich als zusammengehörig empfinden. Innerhalb der Gruppe entwickelt sich dabei neben gemeinsamen Normen und Wertvorstellungen eine gruppenspezifische Rollenverteilung (1). Die Definition einer sozialen Gruppe besteht also gerade darin, dass es sich um gleichgesinnte, ähnlich denkende Menschen handelt. Das gibt uns Sicherheit und ermöglicht uns, offener zu sein als im normalen Alltag. Diese Gruppen haben fast immer ähnliche Interessen, ähnliche Weltanschauung und vergleichbare politische Gesinnung. War das denn jemals anders?

In Zeiten vor Facebook und Co gab es den Stammtisch, diverse Vereine und Clubs, die genau diesen Sinn hatten, dass Menschen unter sich sein konnten. Und sie wollten ganz bewusst keine Menschen dort sehen, die hinsichtlich Weltanschauung und politischer Gesinnung ganz anders waren als sie selbst. Das Gleiche ergibt sich jetzt bei Facebook, Twitter, etc. So weit, so unspektakulär.

Darüber hinaus ist es eine Frage des Bewusstseins, inwieweit ich mitbekomme, was in der Welt vorgeht, welche Meinungen es gibt und welche Standpunkte. Und zu glauben, dass Facebook das Meinungsspektrum repräsentativ abbilde, ist eine weitere Fehlannahme. Bekanntermaßen werden die Extrempunkte besonders stark vertreten, während Menschen mit einer gemäßigteren Meinung kaum Kommentare posten. Sie lesen meist nur mit und werden dann von Angst überwältigt.  

Die implizite Aufforderung einiger Medien, wir sollten jetzt auch die Seiten jener Menschen lesen, deren Meinung wir ganz und gar nicht teilen, ist entweder nett gemeint und ein bisschen naiv oder ein dreister Manipulationsversuch. Abgesehen davon ist es ohnehin sinnvoller, politische Inhalte über viele verschiedene Kanäle (Zeitungen, Magazine, Fernsehen, politische Veranstaltungen, Diskussionen, etc.) zu verfolgen und nicht nur über ein Medium.

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Gruppe

19.04.2017 20:15

FABELhafte Denkanstösse

Fabelhafte Denkanstöße, von Elisabeth Alge-Koranda, ist ein Buch mit vielen Impulsen, Ideen und Gedanken. Es enthält über 40 kurze Geschichten und Gedichte voller Tiefe, Humor und Inspiration. Oftmals lassen sich die Geschichten aus den unterschiedlichsten Betrachtungswinkeln lesen und eröffnen jedes Mal neue Perspektiven.

Für Insider, als die ich Coaches, Psychologen und Psychotherapeuten bezeichnen möchte, ist es an vielen Stellen erkennbar, auf welches Konzept oder welche Theorie sich eine Geschichte bezieht. Alleine das befriedigt wegen des Wiedererkennungseffekts den aufmerksamen Leser. Aber auch der psychologische Laie wird viele neue Erkenntnisse gewinnen. Und vielleicht ist das Schönste, was man über dieses Buch sagen kann, dass es die Phantasie anregt und an manchen Stellen zum Träumen verleitet.

Die Autorin spielt in vielen Geschichten mit dem Wechsel von Perspektiven. Das kommt am klarsten zum Ausdruck in den Geschichten mit dem „grünen Dings“, einem außerirdischen Wesen, das den Bewohnern seines Heimatplaneten minutiös die seltsamen Verhaltensweisen der Erdlinge berichtet oder auch in dem Papagei, der bei jeder Gelegenheit fragt: „Und was ist das Gute daran?“ Der Leser erhält so die Möglichkeit, die Dinge auch einmal ganz anderes zu sehen, zu dekonstruieren und neu zu bewerten.

Völlig unaufdringlich und zart zieht sich durch fast alle Geschichten ein Hauch von Gesellschaftskritik, die unseren Lebensstil hinterfragt und an mehreren Stellen aufzeigt, wie allmählich nicht Materie und Geld, sondern Zeit unser wertvollstes Gut geworden ist.

Aus ganz praktischer Sicht ist das Buch wegen der Kürze seiner Geschichten ideal als Lektüre in öffentlichen Verkehrsmitteln geeignet. Als Impulsgeber und Ideenlieferant ist es sicherlich auch hervorragend geeignet im Rahmen von Beratung, Coaching und Therapie.

05.04.2017 19:29

Psychotherapie ist Selbstentdeckung

Sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft können von Psychotherapie profitieren. Niemand muss dafür "gestört" oder gar "verrückt" sein. Es reicht völlig, wenn jemand mit bestimmten Aspekten seines Lebens nicht so gut klar kommt, wie er das selber gerne möchte. Wenn beispielsweise Beziehungen immer wieder recht unbefriedigend verlaufen oder rasch enden oder wenn jemand im Beruf unzufrieden ist und das Gefühl hat, seine einzigartigen Fähigkeiten und Begabungen nicht gut einbringen zu können.

Psychotherapie brauchen daher nur wenige Menschen, von Psychotherapie profitieren können jedoch fast alle.

Allerdings gilt es zu wissen, was Psychotherapie ist und was sie nicht ist. Wer erwartet, dass der Therapeut seine Probleme löst, wird enttäuscht werden. In einer Psychotherapie geht es primär um eine intensive und tiefgründige Selbsterforschung, um das Kennenlernen all unserer Stärken und Schwächen sowie um das Aufdecken der Ursache von heutigen Verhaltensmustern. Am Ende sollen Sie sich selbst besser verstehen und mit allen Persönlichkeits-Anteilen annehmen können. Dazu ist eine intensive Auseinandersetzung mit Ihren Gefühlen, Ihrem Körper und Ihren Gedanken nötig, die Ihnen niemand abnehmen kann.

Ein Therapeut ist dazu da, kluge Fragen zu stellen und Sie mit der Nase auf Zusammenhänge zu stoßen, an die Sie bisher nicht gedacht haben. Er wird Ihnen aber keine Rezepte liefern und auch keine Ratschläge geben. Sie sollen vielmehr Ihre Lösungen finden und nicht die von anderen übernehmen. Am Ende wird ein klareres und viel vollständigeres Verständnis Ihrer eigenen Persönlichkeit stehen, Sie werden mehr Möglichkeiten haben als zuvor und eigene Schattenanteile nicht mehr so häufig auf andere projizieren, sondern immer öfters die Frage stellen: Was ist mein Anteil an diesem Konflikt oder Problem?

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren wird, wenn alles gut läuft, lebenslang weitergehen, aber Sie werden sehr bald schon keinen Therapeuten mehr dazu benötigen.

20.03.2017 15:26

Multitasking ist gesundheitsschädlich

Lange Zeit galt Multitasking, also die Fähigkeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, als überaus erstrebenswert. Schließlich kann auch jeder Computer parallel fünf, sechs oder mehr Programme gleichzeitig verarbeiten. Wieso also sollten wir Menschen das nicht können?

Interessanterweise haben Hirnforscher immer jene Metapher für die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gewählt, die der jeweiligen Technik der Zeit entsprach. Waren das im 19. Jahrhundert hydraulische Hirnmodelle, gehen wir heute davon aus, das menschliche Gehirn funktioniere wie ein Computer. Genau das ist aber grundfalsch.

Erst seit wenigen Jahren wissen wir, dass das sogenannte Multitasking in hohem Maß gesundheitsschädlich ist. Wird das Gehirn gezwungen, ständig zwischen mehreren Aufgaben hin und her zu springen (z.B.: Auto fahren, telefonieren, SMS versenden, mit dem Beifahrer sprechen), so erzeugt das einerseits Stress und führt andererseits zu einem erheblichen Konzentrations- und Leistungsverlust.

Das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, Informationen wirklich tief zu verarbeiten. Sie werden jetzt nur mehr oberflächlich bearbeitet. Als Spätfolge dieses Dauerstresses im Gehirn kommt es schließlich dazu, dass der betreffende Mensch nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Themen unterscheiden kann. Der nicht endende Stress führt zu Burnout oder sehr langfristig sogar zu hirndegenerativen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Alzheimer.

Tipp: Machen Sie mal einen Spaziergang und lassen Ihr Handy zu Hause oder legen Sie einen handyfreien Tag ein.

23.02.2017 18:00

Was bringt Psychotherapie?

Vielen Menschen fällt es generell schwer, Hilfe anzunehmen. Besonders schwer scheint das aber dann, wenn es um psychische Konflikte, Stress und traumatische Erfahrungen geht. Niemand würde wohl meinen, mit einem Knochenbruch oder einer Lungenentzündung selber fertig werden zu können. Wenn es aber um die Psyche geht, sieht das leider immer noch anders aus.

Die Aussage von Freunden: "Such dir einen Psychologen!", wird selten als mitfühlender Rat empfunden, sondern vielmehr als Versuch jemanden zu stigmatisieren oder auszugrenzen. Wenn Sie einer Freundin/einem Freund wirklich eine Therapie empfehlen wollen, ist es meist hilfreicher, von eigenen positiven Erfahrungen mit psychologischer Beratung und Psychotherapie zu berichten. Das wirkt sehr viel motivierender!

Das Besondere an einer Therapiesituation ist einerseits, dass ich als Klient vollkommen angenommen werde wie ich bin, dass jeder Gedanke, jedes Gefühl, jedes noch so bizarre Verhalten sein darf und dass andererseits der Therapeut überaus achtsam darüber wacht, was echt an mir ist und was unecht. Anders ausgedrückt: ich werde als Mensch total angenommen, während meine Rollen, die ich mir zu spielen angewöhnte, um ein falsches Selbstbild von mir aufrecht zu erhalten, systematisch frustriert werden. Das führt schließlich dazu, dass ich mich von gesellschaftlichen Erwartungen frei machen kann und immer authentischer der werde, der ich eigentlich bin, mit all meinen Fähigkeiten, Begabungen und vielleicht auch Schwächen.

14.02.2017 13:00

Psychotherapie verändert das Gehirn

Dass Psychotherapie das Gehirn verändern kann, hatte man schon länger vermutet. Nun hat ein Schweizer Forscherteam diese Vermutung bestätigt. Durch eine mehrwöchige Therapie normalisierten sich insbesondere jene Gehirnstrukturen, die für die Regelung und Verarbeitung von Emotionen zuständig sind (vgl. Artikel "Psychotherapie kann Gehirn verändern" in Wiener Zeitung. 6.2.2017)

Psychotherapie scheint insbesondere deshalb nützlich zu sein, weil wortwörtlich alte neuronale Bahnen verlassen werden und das Gehirn angeregt wird, neue Vernetzungen zu bilden. Insofern scheint auch all das in der Therapie hilfreich zu sein, was den Klienten dazu motiviert, Neues auszuprobieren.

Besonders im Falle einer Depression weist etwa Grawe (2004) darauf hin, dass die kurzfristige Besserung nach etwa 6 bis 10 Wochen Therapie trügerisch sein kann. Vereinfacht ausgedrückt liegt das daran, dass die neuronalen Bahnen für Trauer, Leid und Depression im Gehirn quasi wie Autobahnen ausgebaut sind, während die neuronalen Netzwerke für Freude und andere positive Gefühle eher schmalen Fußwegen entsprechen.

Eine Therapie sollte demnach so lange dauern, bis der Klient ausreichend Fähigkeiten entwickelt hat, sich zu freuen, positive Aktivitäten von sich aus zu suchen und Strategien entwickelt hat, depressiver Stimmung aktiv vorzubeugen. Nur dann ist gewährleistet, dass die entsprechenden Strukturen im Gehirn ausreichend gefestigt sind, um einen Rückfall in die Depression zu verhindern.

Literatur
Grawe, Klaus (2004). Neuropsychotherapie. hogrefe Verlag.

27.01.2017 14:19

Buch-Tipp

Das Buch "Die Behandlung der Opfer" ist ein sehr ausgewogenes und differenziertes Buch über traumatherapeutische Arbeit mit Flüchtlingen. Klaus Ottomeyer ist spürbar ein Praktiker, der offen und kritisch prüft, welche Konzepte und Techniken funktionieren und welche eher weniger hilfreich sind. Das Buch geht außerdem recht ausführlich der Frage nach, inwiefern gesellschaftspolitischer Diskurs und Behördenwillkür zu sekundären Traumatisierungen führen können und führen. Die Auseinandersetzung mit Themen wie Schuld, Vergebung und Versöhnung am Ende des Buches hat in der Fachliteratur Seltenheitswert und machen das Buch auch deshalb besonders lesenswert.

Klaus Ottomeyer. Die Behandlung der Opfer: Über unseren Umgang mit dem Trauma der Flüchtlinge und Verfolgten.
18.01.2017 14:17

Fake-News aus gestalttherapeutischer Sicht

Falsche Behauptungen, Lügen, Auslassungen von Informationen und bewusste Irreführung gab es wohl immer. Allerdings scheint es so, dass wir gegenwärtig häufiger auf solche Unwahrheiten hereinfallen.

Das mag einerseits eine direkte Auswirkung unseres beinahe blinden Vertrauens in die Technik sein, andererseits aber auch Indiz für eine zunehmende Sinnes-Blindheit. Wir vertrauen unseren Augen, Ohren und unserer Nase nicht mehr. Wir hören kaum auf die Signale unseres Körpers und wir scheinen kritisches Denken immer mehr zu verlernen. Dazu kommt vielleicht noch eine Überforderung durch die Komplexität einer sich rasch verändernden Welt, die uns anfällig macht für sehr simple Botschaften, so unwahr sie auch sein mögen.

Ein wesentliches Element der Gestaltarbeit ist das vollständige Spüren, Erfahren und Annehmen des Hier und Jetzt. Was sehe ich gerade jetzt? Was höre ich hier im Raum? Wie erlebe ich meinen Körper, meine Atmung, meinen Herzschlag? Was denke ich gerade jetzt über das Gesehene, das Gehörte oder mein Gegenüber? Welche Gefühle erlebe ich gerade?

Kommunikation im Internet läuft oft so, dass ich eben nicht mit dem Sender einer Botschaft in echten Kontakt gehe, sondern ein einzelnes Stichwort dazu führt, sofort mit meinen eigenen Vorurteilen und Meinungen in Kontakt zu gehen, also mit dem, was ich über eine Situation denke. Genau dann höre ich nicht mehr zu, sehe ich nicht mehr hin und der Kontakt bricht ab. Ich überprüfe dann auch gar nicht mehr, ob das stimmen kann, was ich gerade gesehen oder gelesen habe.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wissen nicht, was andere Menschen denken und fühlen. Wir interpretieren ihr Verhalten und sind dann wegen unserer eigenen Gedanken beleidigt.

 

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen. (Chinesische Weisheit)

Weitere Artikel

Zahlreiche weitere Artikel zum Thema Psychotherapie und insbesondere Gestalttherapie finden Sie auch in meinem psyonline-Blog.